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| Vision 2 - Menschenfischer |
Aus heutiger Sicht möchte ich dazu folgendes sagen:
Kein Boden unter den Füßen, kein Orientierungspunkt, kein Ende. Ein Zustand, in dem ein Mensch jede Sicherheit und Orientierung verliert. Man weiß nicht mehr, wohin man gehört oder wie man aus diesem Zustand herauskommt.
Wir leben heute in einer Gesellschaft, die zunehmend zu erkalten scheint. Menschen leben auf engem Raum zusammen und vereinsamen dennoch immer mehr. Seelische Erkrankungen werden sichtbarer und ernster genommen. Sie stellen nicht nur die Betroffenen selbst, sondern oft auch die Menschen in ihrem Umfeld vor große Herausforderungen.
Die von mir geschilderte Vision mag manchem überzogen erscheinen. Wer jedoch einmal erlebt hat, wie ein Mensch seelisch zusammenbricht, bekommt eine Ahnung davon, was sich hinter einer solchen Finsternis verbergen kann.
Die schweren Ketten können vieles bedeuten: Angst, Krankheit, Scham, Schuldgefühle, Abwertung, Abhängigkeit von anderen, inneren Zwängen oder auch gesellschaftlichen Druck.
Die Menschen sind gebunden. Sie erleben sich als unfrei. Und was bedeutet es, Menschen zu fangen?
Geht es darum, Menschen in ihrer Not aufzufangen und ihnen zu helfen, oder darum, sie festzuhalten und ihrer Freiheit zu berauben? Auch heute können Menschen durch Angst, Abhängigkeiten oder die Erwartungen anderer in Situationen geraten, aus denen sie kaum einen Ausweg sehen. Umso wichtiger ist es, einander mit Verständnis zu begegnen und die Not des anderen ernst zu nehmen.
Wer selbst in einer solchen Finsternis steht, wer diese Ketten spürt und sich gefangen fühlt, mag sich fragen, wo er nach Auswegen suchen kann. Dabei kann es hilfreich sein, nicht allein auf die Umstände und das Verhalten anderer zu schauen, sondern auch das eigene Denken und Handeln behutsam zu hinterfragen. Das bedeutet nicht, sich selbst die Schuld an allem zu geben. Nicht jedes Leid ist selbst verschuldet. Krankheit, Verletzungen, Schicksalsschläge und Überforderung können Menschen an ihre Grenzen bringen, ohne dass sie etwas falsch gemacht haben. Doch dort, wo wir selbst etwas verändern können, können sich auch neue Wege eröffnen.
Wie mühsam kann es sein, die Ursachen unseres Unbehagens ausschließlich in unserer Umwelt zu suchen. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, die ein hohes Tempo vorgibt und dabei nicht immer genügend Rücksicht auf die Grenzen des Menschen nimmt. Dass Menschen unter dieser Belastung an ihre Grenzen gelangen, sollte uns nicht verwundern. Wichtig ist es, einander mit Verständnis zu begegnen und die eigene Not ebenso ernst zu nehmen wie die der anderen.
Hiob 36,8
„Und wenn sie gefangen liegen in Ketten und elend, gebunden mit Stricken, so hält er ihnen vor, was sie getan haben, und ihre Sünden, dass sie sich überhoben haben.“
Für manchen mag dieser Vers wie ein Schlag ins Gesicht klingen. Er spricht von Schuld und Stolz, während ein Mensch, der in seiner Not gefangen ist, vielleicht vor allem Trost und Erbarmen benötigt. Deshalb sollten wir mit diesen Worten behutsam umgehen. Denn nicht jedes Leid ist die Folge eigenen Fehlverhaltens, und nicht jeder Mensch, der in Finsternis gerät, hat sich selbst dorthin gebracht.
Gerade das Buch Hiob zeigt, wie schnell wir uns irren können, wenn wir das Leid eines anderen vorschnell erklären. Hiobs Freunde suchen die Ursache seines Leidens bei ihm selbst. Doch ihre Erklärungen werden seiner Not nicht gerecht.
Vielleicht können wir diese Bibelstelle dennoch so verstehen, dass wir innehalten und uns fragen, wo wir uns selbst im Weg stehen, wo unser Stolz uns den Blick verstellt oder wo wir etwas nicht wahrhaben wollen. Eine solche Frage soll uns nicht verurteilen, sondern uns helfen, uns selbst besser zu verstehen und neue Wege zu entdecken. Es geht darum, offen dafür zu bleiben, wo wir selbst etwas erkennen, verändern und in unserem Leben einen neuen Anfang wagen können.
Gehen wir davon aus, den Odem Gottes in uns zu tragen, wovon ich tief überzeugt bin, dann dürfen wir auch erkennen, wie sehr wir unter einem Leben leiden können, das unserem innersten Wesen widerspricht. Dafür müssen wir uns keinen strafenden Gott vorstellen. Vielleicht ist es vielmehr so, dass wir manchmal selbst gegen das handeln, was wir im Innersten längst als gut und wahr erkannt haben.
Unsere Fehleinschätzungen, unsere Ängste und unser Sinnen und Trachten können dazu beitragen, dass wir in eine solche Lage geraten. Manchmal verschließen wir unsere Herzen, weil der Schmerz bereits groß genug ist und wir fürchten, noch mehr ertragen zu müssen. Dann gehen wir aufeinander los, machen uns gegenseitig Vorwürfe und suchen nach Schuldigen. Doch selten finden wir auf diesem Weg Befreiung. Wir verstricken uns immer tiefer ineinander und verlieren dabei den Blick für das, was uns helfen könnte.
Es braucht Mut, sich selbst ehrlich zu begegnen, falschen Stolz abzulegen und auch die eigene Scham anzunehmen. Doch niemand muss diesen Weg allein gehen. Und niemand sollte sich dafür verurteilen, dass er an seine Grenzen gelangt ist.
Wer soll helfen? Wer soll unsere Wunden verbinden, damit sie heilen können? Wer kann uns tragen, wenn wir selbst keine Kraft mehr haben? Auf wen können wir unsere Augen richten? Wer vermag unsere Herzen zu öffnen, ohne uns zu enttäuschen? Wer begegnet uns, ohne uns anzuklagen?
Durch den Propheten Jesaja lässt uns Gott in Jesaja 42,16 Folgendes wissen:
Jesaja 42,16
„Aber die Blinden will ich auf dem Wege leiten, den sie nicht wissen; ich will sie führen auf den Steigen, die sie nicht kennen. Ich will die Finsternis vor ihnen her zum Licht machen und das Höckerige zur Ebene. Das alles will ich tun und nicht davonlassen.“
Was für eine Verheißung liegt in diesen Worten! Gott spricht von Wegen, die wir noch nicht kennen, von Dunkelheit, die zum Licht wird, und von Kummer, der nicht über unser Leben bestimmen muss. Gerade dort, wo wir uns selbst wertlos erscheinen und verloren glauben, dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott uns nicht aufgibt. Seine Hand reicht weiter, als unser Blick vermag, und seine Möglichkeiten enden nicht dort, wo wir selbst keinen Ausweg mehr sehen.
So dürfen wir uns ihm anvertrauen, mit allem, was uns bedrückt, mit unseren Fehlern und unserer Schwachheit, aber auch mit unserer Sehnsucht nach Heilung und Frieden. Wir müssen nicht erst vollkommen sein, um uns ihm zuzuwenden. Der neue Weg beginnt da, wo wir erkennen, dass wir Hilfe brauchen und uns nicht länger allein durch unsere Not kämpfen müssen.
Die Befreiung beginnt genau dort, wo wir aufhören, uns gegenseitig zu verurteilen, und lernen, uns selbst und anderen mit mehr Barmherzigkeit zu begegnen. Denn wo Gottes Liebe Raum gewinnt, muss die Finsternis nicht das letzte Wort behalten.
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