Vision 3 - Finsternis

Aus heutiger Sicht möchte ich dazu folgendes sagen:

Mit dieser Vision hatte ich lange meine Probleme und wusste nicht recht, was ich mit ihr anfangen sollte. Jeder Psychologe hätte wohl seine Freude an diesem Thema, wüsste einiges darüber zu sagen, und viele Bücher befassen sich damit und werden es auch in Zukunft tun.

Nun, wie dem auch sei, ein wenig möchte auch ich darüber schreiben, über etwas, das ich lange Zeit so nicht wahrhaben wollte.

Ich gehe ohne Wenn und Aber davon aus, dass der Mensch, wenn er das Licht der Welt erblickt, rein und unschuldig ist. Schon im Neugeborenen etwas Arges zu sehen, halte ich für verfehlt.

Im Kinde sind wir in der Lage, etwas von der göttlichen Schöpfung zu sehen, zu erahnen und für einen kurzen Moment an ihr teilzuhaben.

So rein und unschuldig ein Kind ist, so empfindsam und verletzlich ist es auch.

Sehr schnell können negative Einflüsse diese Reinheit im Kinde überlagern und mehr und mehr in den Hintergrund drängen. Wohl gemerkt, ich spreche von Verdrängung und nicht davon, dass die Reinheit verloren geht. Denn wir sind und bleiben alle Kinder Gottes.

So versinkt die eigentliche Schöpfung immer mehr in einer sich zusehends verfinsternden Wolke.

Jeder Mensch trägt eine solche Wolke mit sich. Sie mag unterschiedlich schwer sein, doch eines haben sie alle gemeinsam: Sie können uns dann und wann am rechten Sehen hindern und unsere Sinne trüben. So kommt es, dass wir mit unseren Augen sehen und mit unseren Ohren hören, aber nicht immer das wahrnehmen, was tatsächlich vor uns liegt. Unsere Erfahrungen, Ängste und Erwartungen beeinflussen unseren Blick, und das Wort „Objektivität“ wird allzu oft zum Schlagwort, während die Wirklichkeit an uns vorüberzieht. Ohne dass wir es recht bemerken, finden wir uns so nach und nach in einem Tal der Klagen wieder.

Diese schwarze Wolke ist nichts weiter als eine Ansammlung von Erfahrungen und Gegebenheiten, die bis in unsere ersten Lebenstage zurückreichen, möglicherweise sogar noch weiter. Nicht alles, was wir erfahren, ist gut. Manches hinterlässt Spuren, die uns lange begleiten. Und wenn wir die Ursachen unseres Leidens nicht mehr erkennen können oder sie tief in uns verborgen liegen, leiden wir nicht selten Qualen, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, woher sie kommen.

Diese schwarze Wolke mit allem, was in ihr verborgen liegt, lässt uns aus dem Vergangenen schöpfen, in eine unbekannte Zukunft planen und vor der Gegenwart fliehen. Wir schlagen Haken wie ein Hase, immer auf der Suche nach einem Ausweg. Sie lässt uns glauben, wir seien klug und hätten aus allem unsere Lehren gezogen. Doch nicht jede Erfahrung bewahrt uns davor, erneut in eine Schlinge zu geraten oder unter verletzenden Worten anderer niederzusinken.

So kann die Wolke zu einem schlechten Ratgeber werden, der uns den Blick für das Wesentliche verstellt. Sie lässt uns misstrauisch werden, entfernt uns voneinander und kann die Liebe in den Hintergrund drängen. Und wenn wir schließlich auch uns selbst nicht mehr mit Liebe begegnen können, wird es rasch dunkel um uns herum.

Dabei stellt sich früher oder später die Frage, welchen Anteil wir selbst an unserem Denken und Handeln haben. Mit zunehmendem Alter wächst auch unsere Möglichkeit, eigene Entscheidungen zu treffen und für deren Folgen Verantwortung zu übernehmen. Das ist nicht immer leicht, und manchmal erkennen wir erst im Nachhinein, was wir hätten anders machen können. Doch gerade darin liegt auch die Möglichkeit, neue Wege einzuschlagen.

Mit den Folgen unseres Handelns ist es allerdings nicht immer so einfach. Sie haben nicht zwangsläufig etwas mit Gerechtigkeit zu tun. Mit ihr ist es ohnehin eine eigene Sache, denn unser Verständnis davon hängt von vielem ab: von Zeit und Ort, von unseren Überzeugungen und nicht zuletzt von unseren persönlichen Erfahrungen. Was dem einen gerecht erscheint, kann ein anderer ganz anders empfinden.

Viel wichtiger im Hinblick auf diese Vision scheint mir deshalb unser ureigenes Empfinden für Gerechtigkeit und die Frage, was uns dabei helfen kann, einander wirklich zu verstehen.

Wenden wir uns einer anderen Gerechtigkeit zu, die nicht allein weltlichen Vorstellungen unterworfen ist, sondern der göttlichen Gerechtigkeit. Durch keinen anderen als durch Jesus Christus ist sie uns so nahegebracht worden.

Sie gründet in der Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen. Aus ihr erwachsen Verständnis, Erbarmen, Mitgefühl, Trost und Verzeihen. Gerade dort, wo unser eigenes Urteilen an seine Grenzen gelangt, kann diese Liebe einen Weg öffnen, den wir zuvor nicht gesehen haben. Vielleicht ist es gerade die göttliche Gerechtigkeit, die unserer Seele ermöglicht, zur Ruhe zu kommen und Heilung zu erfahren.

Angesichts dieser Gedanken erscheinen mir viele Dinge in einem anderen Licht. Sie machen mich leise. Ich ertappe mich dabei, wie ich über andere reden möchte, und verliere die Freude daran. Das Fingerzeigen will mir nicht mehr recht gelingen, wenn ich mich daran erinnere, wie wenig ich selbst von dem überblicke, was in einem anderen Menschen vor sich geht.

Denn im Verzeihen und im Miteinander liegt eine Möglichkeit, Verantwortung füreinander zu übernehmen, ohne uns gegenseitig zu verurteilen. Vielleicht bewahren wir uns gerade dadurch davor, unsere Seele mehr und mehr zu vergiften, und geben der Liebe wieder Raum.

„Wer Ohren hat zu hören, der höre und wer Augen hat zu sehen, der sehe“.

Nicht umsonst leitete Jesus Christus viele seiner Reden mit den Worten ein, die uns zum Hören und Sehen auffordern. Vielleicht liegt darin auch die leise Erinnerung, dass wir nicht immer so viel erkennen, wie wir glauben. Es ist eine Irrtum zu meinen, wir würden allein mit unseren Augen und Ohren schon alles erfassen. Manchmal scheint uns selbst der Einfältigste einen Schritt voraus zu sein und macht uns deutlich, dass vieles, was es zu verstehen gilt, keineswegs allein eine Frage des Verstandes ist.

Ein Miteinander, mehr Zuwendung und ein offenes Ohr füreinander könnten uns Menschen eine große Hilfe sein. Wir haben längst erkannt, wie wichtig das alles ist, und doch scheint selbst daraus ein Geschäftszweig geworden zu sein. Während wir über Verständnis und Mitgefühl sprechen, fällt es uns im Alltag nicht immer leicht, beides auch zu leben.

Vielleicht liegt ein Teil der Ursache unseres inneren Zerfalls gerade in dem Sinnen dieser Welt, das uns antreibt, uns vergleichen lässt und uns immer weiter von uns selbst und voneinander entfernt.

Und vielleicht beginnt ein Weg aus dieser Finsternis dort, wo wir wieder lernen, wirklich hinzusehen, einander zuzuhören und der Liebe mehr Raum zu geben.

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