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Autorenecke   Bewältigung und Verlusterfahrung
24.02.2007 von Osponde

Bevor wir ins Thema einsteige, möchte ich euch die Geschichte von Renate erzählen. Nachdem sie erfahren hatte, dass der Pfarrer in ihrer jetzigen Kirchengemeinde überlastet ist, bot sie ihm ihre Hilfe als Sekretärin an. Beim Vorstellungsgespräch ergab sich, dass sie zwar stundenweise bei ihm arbeiten könnte aber ihre PC-Kenntnisse nicht ausreichen, da sie seit mehreren Jahren in ihrem Beruf nicht mehr tätig gewesen ist.

Sie machte nun die Kirchengemeinde dafür verantwortlich, daß sie ohne Arbeit war, weil ihr die Stelle verweigert worden war. Dadurch nahm sie eine Haltung der Ablehnung gegenüber der Gemeinde ein. Das hatte zur Folge, dass sie die Veranstaltungen der Gemeinde nicht mehr regelmäßig oder nur widerwillig besuchte. Ihre Haltung der Gemeinde gegenüber wurde immer kritischer. So kam sie immer mehr in eine innere Haltung der Ablehnung der Gemeinde gegenüber.

Dadurch gab sie auch Rebellion Gott gegenüber Raum, weil sie sich nicht damit abfinden konnte, dass ihre Bewerbung um diese Stelle abgelehnt worden war. Wie hätte sie nun angemessen reagieren können? Sie hätte mit ihrer Enttäuschung zu Jesus gehen können und sie an ihn abgeben können, in dem Vertrauen, dass er ihrer Not begegnen kann.

Sie sollte ihr Selbstwertgefühl nicht von ihrer beruflichen Situation abhängig machen. Hausfrau sein ist bei Gott so wertvoll wie jede andere Tätigkeit. Sie hätte unterscheiden sollen, dass die Ablehnung ihrer Bewerbung nicht eine Ablehnung ihrer Person bedeutet. Sie wäre von ihrem Gefühl des Abgelehntseins frei geworden, wenn sie den betreffenden Menschen vergeben hätte.

Uns alle bewegt des öfteren die Frage, warum Gott in unserem Leben bestimmte Dinge zulässt. Jeder Mensch hat Ziele und Pläne für sein Leben. Als ich als junger Mensch die ältere Generation unter die Lupe nahm, habe ich mir vorgenommen mein Leben anders zu gestalten. Mittlererweile hat sich diese Einstellung in eine demütigere Haltung verändert. Der Weg dahin war ein mit Schmerzen verbundener Prozeß, als Träume nicht in Erfüllung gingen und das Ego vom Thron gestürzt wurde.

Wir müssen lernen, es zu verkraften, dass unser Ehrgeiz gedämpft wird. Wir müssen es lernen, aus schmerzhaften und schwierigen Erfahrungen das Beste zu machen im Vertrauen auf Gott. Oftmals können wir erst Jahre später Gottes gnädiges Handeln an uns erkennen.

In Psalm 139 lesen wir: "Herr, Du hast mich erforscht und erkannt. Ich sitze oder stehe auf, so weißt Du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist Du um mich und siehst alle meine Wege. Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das Du, Herr, nicht schon wüsstest."

Gott ist uns ganz nahe und kennt unsere Gedanken und Empfindungen. Er weiß über jedes Wort, noch bevor wir es ausgesprochen haben.

Wir wollen uns nun damit befassen, wie wir Versagensängste, Verlustschmerz und Minderwertigkeitsgefühle bewältigen können. Wir können auf verschiedene Art und Weise mit solchen Erfahrungen umgehen. Zum Beispiel hätte Renate, anstelle ihres Gefühls des Abgelehntseins, wie zuvor geschildert, gelassener damit umgehen können.

Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an ein Erlebnis aus meiner Kindheit. Ein Bauer aus unserem Dorf, der einen krummen Rücken hatte, sagte immer zu mir: "Kopf hoch, wenn der Hals auch dreckig ist". Es gibt allerdings Probleme, die uns über den Kopf wachsen können. Es gibt Erfahrungen, die uns sehr zu schaffen machen können. Renate hätte gut daran getan, sich mit ihrem Schmerz auseinanderzusetzen.

Der erste Schritt bei der Verarbeitung von Verlusterfahrungen ist, sich einzugestehen, dass einem etwas nahe gegangen ist. Jeder von uns hat seinen Stolz und Ziele, die er erreichen möchte. Wenn etwas schief läuft, versuchen wir das zu verharmlosen, herunterzuspielen und damit zu verdrängen. Man versucht den äußeren Schein aufrecht zu erhalten anstatt sich einzugestehen, dass einem etwas nahe gegangen ist. Wenn wir uns nicht mit dem Schmerz auseinandersetzen, der uns zugefügt worden ist, werden wir unweigerlich verbittert, so wie es Renate mit ihrer Gemeinde erging. Wenn sie sich ihrem Schmerz gestellt hätte, wäre das der erste Schritt zum Überwinden gewesen. Das hätte zunächst vielleicht ein Gefühl der Traurigkeit oder Verunsicherung auslösen können. Immer wenn wir die Erfahrung machen, dass andere uns überlegen sind, kann das unserem Selbstwertgefühl einen Knacks geben. Erfahrungen des Abgelehntseins können in uns alte Wunden aufreißen.

Renate beispielsweise war sich vielleicht gar nicht bewusst, was in ihrem Inneren vorging. Wenn sie sich an ähnliche Erfahrungen aus ihrer Vergangenheit erinnert hätte, hätte sie besser verstehen können, was in ihr jetzt vor sich ging. Es ist also von großer Bedeutung, sich bewusst zu machen, warum man in einer bestimmten Situation gerade so reagiert. Das Verstehen der Hintergründe eines Problems ist der erste Schritt zur Bewältigung. Als Nächstes muß man lernen mit Schwierigkeiten umzugehen.

Es gibt Zeiten, in denen mir die Herausforderungen meines Berufes zu schaffen machen und wo ich in besonderer Weise auf die Gnade Gottes angewiesen bin. In solchen Phasen muß ich bereit sein, kürzer zu treten und Termine abzusagen. Dies gilt insbesondere in Phasen der Schwäche und Anfechtungen. Dadurch gelingt es mir, die Belastungen auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Wenn wir mit unseren Lebensumständen unzufrieden sind und zu murren beginnen, können wir keinen Sinn darin erkennen. Wenn wir in Leidenssituationen hineingeraten, können wir in der Regel den Sinn dahinter zunächst nicht erkennen Wir sollten es lernen, Gott in schwierigen Umständen zu vertrauen auch wenn wir nicht verstehen können warum Gott sie zulässt. Oftmals können wir erst im Rückblick Gottes Wege und Absichten mit uns erkennen. So kann unser Glaube gerade in schweren Lebensumständen wachsen. Wir sollten es lernen unser Vertrauen auf Gott festzuhalten. Gerade wenn wir an unsere Grenzen stoßen möchte sich Gott in unseren Unmöglichkeiten verherrlichen.

Zum Abschluß möchte ich aus meinem Leben erzählen:

Wir hatten früher einen Hund, der von einem Auto überfahren wurde. Dieses Ereignis löste eine tiefe Traurigkeit bei mir aus. Ich bekam eine Wut auf Gott. Ich kam mit meinen Gefühlen nicht mehr zurecht. Ich konnte mich selbst nicht verstehen warum ich so überreagierte.

In dieser Situation erinnerte ich mich daran, dass mein Vater gestorben war, als ich neun Jahre alt war. Mein Vater und ich hatten eine sehr liebevolle Beziehung. Dieser Verlust hat mich damals tief getroffen. Den Tag seines Todes werde ich nie vergessen. Plötzlich wurde mir klar, dass meine Überreaktion auf den Tod unseres Hundes mit meiner Trauer um meinen Vater als Kind zu tun hatte. So wurde ich wieder mit dieser Verlusterfahrung aus meiner Kindheit konfrontiert. Als ich diesen Zusammenhang erkannte, war das der erste Schritt zur Bewältigung. Durch diese Erfahrung bekam ich auch ein tieferes Verständnis für Menschen die durch tiefe Verlusterfahrungen gehen mussten.

Als ich etliche Jahre nach dem Tod meines Vaters Gott begegnete, durfte ich die Vaterliebe Gottes erfahren. Die Sehnsucht eines jungen Mannes nach der Liebe seines Vaters wurde gestillt. Ich durfte Gott als meinen Vater kennenlernen. Diese tiefgehende Erfahrung seiner Vaterliebe hat mich durch mein Leben begleitet. So durfte ich zu einem Vater für viele heimatlose Menschen werden.

Der Leitspruch meiner Familie war:

"Mein Vater, ich verstehe dich zwar nicht, aber ich vertraue Dir trotzdem".

Dieses Festhalten an Gott brachte eine Berufung Gottes für mein Leben hervor. Das Bibelwort "Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen" bekam für mich eine tiefe Bedeutung. Auch die Aussage "Freuet Euch im Herrn allezeit" oder das Wort des Paulus "Die Weinenden sollen sich so verhalten, als weinten sie nicht" bekamen einen Sinn für mich. Wir müssen es lernen unser Gottvertrauen in den unmöglichsten Lebenssituationen zu bewahren.

Wenn wir Gott einst in der Ewigkeit begegnen wird er uns für unsere Treue im Glauben belohnen.






Ein Artikel von Glaube.de.
Autor: Winfried Hahn/ Leiter des De´Ignis Wohnheimes für psychisch kranke Menschen
Mit freundlicher Genehmigung für Glaube.de
Veröffentlichungen im Internet oder in Print bedürfen der vorherigen
Genehmigung der Autoren bzw. Glaube.de.




Gerne möchten wir auf das von Claus Hartmann und Winfried Hahn herausgegebene Buch "Damit die Seele heil wird" - Entstehung und Behandlung psychischer Probleme hinweisen, das im Hänssler Verlag erschienen ist.
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