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Autorenecke   Die "Nachfolge Christi"
28.06.2006 von Marico

Die "Nachfolge Christi" von Thomas von Kempen

Das Werk Thomas von Kempens umfasst annähernd 40 Bücher, von denen aber nur einige wenige größere Bedeutung erlangt haben. Hier sei vor allem sein aus vier Teilbänden bestehendes Hauptwerk genannt, "De Imitatione Christi", zu deutsch: "Von der Nachfolge Christi".

Mit diesem Buch, das ohne Exzentrik, ohne spirituell Unnachvollziehbares, ohne esoterische Überdrehtheit eine ganz alltagspraktisch-erfahrbare, ja, fast nüchterne Mystik als geistigen Weg lehrt, schuf Thomas das, was man heute wohl einen Weltbestseller nennen darf: Über 3000 verschiedene Ausgaben in nahezu allen Kultursprachen der Welt lagen im Laufe der letzten 550 Jahre vor, und auch heute finden sich in den Verzeichnissen lieferbarer Bücher der einzelnen Länder mindestens eine, meistens aber mehrere Ausgaben in der jeweiligen Landessprache vor. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in Mitteleuropa kaum eine Familie, die kein Exemplar von Thomas' "Nachfolge" neben der Hausbibel liegen hatte, und so können wir zurecht den Forschern Glauben schenken, die behaupten, dass "De Imitatione Christi" hinter der Bibel das meist verbreitetste und meist gelesene Buch der Weltliteratur sei.

Ausgehend von der Berufung der ersten Jünger durch Jesus Christus B](Markus-Evangelium 1, 16-20 u.a.) [/B] spielt der Versuch, ein Leben nach den Lehren Jesu Christi zu führen, in der gesamten Geschichte des Christentums eine große Rolle. In der Frühzeit waren es vor allem der Apostel Paulus, der auf eine enge Verbundenheit im (all-)täglichen Lebensvollzug des getauften Christen mit Jesus Christus und seiner Lehre hinwies, sowie der Verfasser des mystischsten der vier Evangelien, der unter dem Namen Johannes schrieb. Besonders das im Johannesevangelium übertragene Wort Jesu Christi "Ich bin das Licht der Welt. Wer mir folgt, wird nimmermehr in der Finsternis wandeln, sondern das Licht des Lebens haben" (Johannes-Evangelium 8, 12) ist für die "Nachfolge" von größter Bedeutung. Nachfolge wird hier sowohl zu einem aktiven Tun als auch zu einem Weg, der ein bestimmtes Ziel hat: Die Erfahrung des Lichts des Lebens.

Dieses Licht, das christlichem Glauben zufolge mit Jesus identisch ist, hat eine wichtige Rolle im Christentum, ja, in den Religionen überhaupt gespielt, und spielt sie noch: Licht und Dunkelheit sind ja nicht nur optische Phänomene, sondern sie implizieren fast immer auch hell und dunkel, gut und böse, den Übertritt des Menschen aus dem Dunklen ins Helle, ja, Licht ist und hat für viele Kulturen und Religionen immer auch etwas Mystisches: Die gesamte Licht-Mystik hat hier ihren Ursprung, aber auch die wunderbare Licht-Theologie der Quäker. Und auch die Tiefenpsychologie C.G. Jungs weist "dem Licht" eine besondere Bedeutung zu, denn sie sieht im "Inneren Licht" eine Erfahrung des Selbst, die zur Ganzheitlichkeit des Menschen gehört und führen soll. Die Erfahrung des Inneren Lichtes ist als die Erfahrung des Selbst, die Erfahrung des Selbst zugleich die Erfahrung Gottes, wie immer man "ihn" verstehen mag.


Der Nachfolge im christlichen Sinne geht es aber nicht in erster Linie um lichtmystische Erfahrungen, sondern darum, das eigene Leben im gelebten Alltag zum "Licht" werden zu lassen, das uns Gott "näher" bringt, d.h. das eigene "Licht" und das Licht Gottes werden in der so genannten "Nachfolge" eins.. Ein Mittel, um zu dieser ganz und gar unspektakulären "Erleuchtung" zu erlangen, ist es, dem Leben und der Lehre Jesu Christi nachzufolgen, und genau hier setzt Thomas von Kempen mit seinem Buch an: Nicht mystische Leidenschaft, Spekulation oder esoterische Phantastereien sind nach Thomas Grund, Weg und Ziel der Nachfolge, sondern eine Religiosität (früher sagte man "Frömmigkeit"), die ernsthaft ist, die sich an die ethischen, praktischen und lebensnahen Vorgaben Jesu Christi und der Alten Väter hält, welche aber die Nüchternheit bewahrt, um im Alltag ein unauffälliges, aber "inniges" Leben führen zu können und zu dürfen.

"Klein von Gestalt, aber groß an Tugenden, innig fromm, gern allein und niemals müßig, wachte er besonders über seine Zunge und sprach dennoch mit Frommen sehr gerne über Gutes, mehr auf Entflammung des Gemütes als auf Schärfe des Verstandes bedacht", so wird Thomas von einem Unbekannten beschrieben, den Huizinga in seinem Werk "Herbst des Mittelalters" zitiert. Und ich glaube, so stellt man sich Thomas auch tatsächlich vor: Voller Vertrauen auf Gott (oder das Göttliche), in Freundschaft mit Jesus Christus (dem Gottsohn und Lehrer) und den Mitmenschen, aber dennoch auch die Einsamkeit liebend, achtsam und "gut" in Gedanken, Worten und Taten, mitfreudig über die Erfolge anderer, traurig über das eigene Unvermögen, froh und gerne in der Kontemplation verweilend...: Ich denke, so sollten wir uns denjenigen vorstellen, der das Ziel der Nachfolge erreicht hat: Das Licht.


Den Weg dorthin beschreibt Thomas von Kempen in seinem Buch, wodurch es auch zu einem der großen Lehr-Texte der Meditation und Kontemplation wird, auch wenn das nirgendwo ausdrücklich gesagt wird. Das würde aber auch der Intention Thomas von Kempens widersprechen: Der Weg und sein Ziel sollen ja im Alltag lebbar sein, und somit werden sich Kontemplation und Meditation, oder auch anders ausgedrückt: Besinnlichkeit und Achtsamkeit auf dem alltäglichen Weg der Nachfolge quasi "von selbst ergeben".

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Herzlichst Marico



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